Mein Moskau, Erich Klein. 1.ORF

moukhin - igormukhin.com

Mein Moskau

Fotoband von Igor Mukhin

 

In den Zeiten von Internet und Foto-Blogs, von Foto-Datenbänken und Online-Archiven sind Fotobücher keine einfache Sache. Doppelt schwer hat es der klassische Fotoband. Der Moskauer Fotograf Igor Mukhin, Jahrgang 1961, der in Zeitschriften wie «Rolling Stone», «Geo», und «Vogue» publizierte, hat diese Herausforderung nun aufgenommen und mit Bravour bestanden.

Muhkin war nicht nur fotografischer Begleiter der zu Sowjetzeiten noch halboffiziellen Rockszene. Für große und populäre russische Publikationen wie «Afischa» oder «Bolschoj Gorod» machte er auch ausführliche Foto-Serien über Denkmäler, Kinderspielplätze, das nächtliche Moskau, über Mädchen und Frauen und verschiedene Formen des politischen Protestes.

Fotografien von innen

«Mein Moskau» ist keine einfache Chronologie der letzten zweieinhalb Jahrzehnte von Gorbatschows Perestroika bis in das Reich von Putins Glamour. Putins Glamour — kurz zur Erklärung — besagt: Wir, die politische Kaste, kann tun und treiben, was sie will, und lässt dafür euch, das Volk, in Ruhe. Ein System, das jüngst einige Verfallserscheinungen aufweist. In Igor Mukhins Moskau kommen weder vergangene politische Sowjet-Symbolik, leere Geschäfte und Warteschlangen aus den 1990er Jahren, noch der protzige Reichtum der neuen Russen und die üppigen Abstrusitäten der 12-Millionen-Megapolis Moskau in den 2000er Jahren vor — oder nur am Rand, im Hintergrund.

Anders als der Großteil der ausländischen und vieler russische Fotoreporter zeigt Mukhin mit seiner Leica M6 keinerlei Exotik: Seine klassisch-noblen und zugleich irgendwie «proletarischen» Schwarz-weiß-Bilder sind bescheidener, zurückhaltender; er fotografiert von innen, und verlässt sich ganz auf seine Kunst: auf Ausschnitt, Komposition und Motiv. Es geht um Normalität, um Alltag, der sich im Wesentlichen innerhalb des Gartenringes, im Zentrum von Moskau abspielt — mit Ausnahme quasi privater Aktbilder aus dem «Nordöstlichen Verwaltungsbezirk» vor klassisch-sowjetischem Plattenbau-Interieur.

Distanzierter Blick

Mukhins Blick auf Passanten, Einkaufende, Besucherinnen des Gorkij-Parks, auf Betrunkene im Bus oder in der Metro ist — wie jegliches ausgeprägte Formbewusstsein — «kalt» und «distanziert». Zugleich muss dieser Blick mit dem «Elend» aller Fotografie, die im Detail das große Ganze darstellen will, zurechtkommen. Fotos sind an den Zufall gebunden.

Die Zufälligkeit des Gesehenen konstatiert auch Zakhar Prilepin, Russlands derzeit bekanntester Schriftsteller, der zu «Mein Moskau» ein höchst pathetisches Vorwort besteuerte.

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Das Gefühl, dass jeder hier zufällig ist, dass der Bildausschnitt jemand anderen zeigen sollte, nicht diesen oder jenen, die ungebeten in den Fokus getreten sind, ohne selbst zu wissen, warum. (…) Und wir werden uns niemals an ihre Gesichter erinnern. (…) Unsere eigenen Gesichter. Als ob der Fotograf von jemand anderem eine Aufnahme machen wollte als von uns. Oder von einem anderen uns. Aber es waren nur wir da, niemand sonst.

Diese Zufälligkeit der Motive hat für Prilepin wie für Mukhin fast metaphysische Qualität — eine Welt, die sowjetische, ist Mitte der 1980er Jahre zerfallen, eine neue, in der man sich einzurichten wüsste, wurde und wird nicht gefunden: Zufall bedeutet Ausnahmezustand, vor unseren Augen breitet sich ständig Hysterie aus.

Zerfall in den frühen 1990ern

Merkwürdigerweise fehlen bei Mukhin fast völlig Bilder aus den frühen 1990er Jahren, aus der Zeit der erfolgreichen demokratischen Revolution unter Jelzin, als die Herabgekommenheit der einstigen Hauptstadt des Kommunismus noch eine gewisse Würde besaß. Einzige Ausnahme: ein Uniformierter, der in der Gorkij-Straße, der Hauptstraße zum Kreml, in seinem betont sauberen und strengen Militärmantel in einer zertrümmerten Telefonzelle steht.

Was damals folgte — Straßenhandel, das Zerbersten des ganzen Organismus’ der Stadt, das Freiwerden unbändiger Energie, die Dynamik, Brutalität und Vulgarität von Moskau, das längst mit Werbung zugepflastert wurde, war für Mukhin Anlass zu umfassender fotografischer Depression. Im lakonischen Kommentar von Zakhar Prilepin heißt es:

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Wir haben kein anderes Moskau für euch. Auch kein anderes Russland. (…) Früher sagte ich, Moskau ist eine liederliche und unersättliche Gutsherrin in dicken Federbetten — sich selbst liebend, sich an sich selbst ergötzend, in sich selbst schwelgend. (…) Jetzt sehe ich, dass Moskau aufgehört hat, sich zu lieben. (…) Immer feiern hier alle, bereiten sich auf das nächste Konzert vor, aber du weißt, sie haben nur Spaß, solange sie betrunken sind. (…) Hier arbeitet keiner. Die Leute beschäftigen sich mit überhaupt nichts.

Höchstens räumen dicht vermummte Frauen in Wattejacken Schnee weg, die Jungen stehen und hängen in der Gegend herum.

Feine Unterschiede

Auf einem der stärksten Bilder pisst eine Gruppe von zwanzig jungen Männern am Rande eines Parks ins Gebüsch, einer säuft dabei weiter aus seiner Bierflasche. Wer Moskau kennt weiß, dass das — aus Mangel an öffentlichen Toiletten — in jedem zweiten Hauseingang auch passiert. Ein Hund, armselig vor einem Geschäft angebunden, räudig, wie vom Besitzer vergessen. Tschinowniki, Bürokraten, am Eingang eines Ministeriums; ein Mann in Kosakenuniform und Peitsche in der Hand stürmt aus der Metro; Fußballfans.

Es dauert, bis sich die feinen Unterschiede des Geschmacks, der Dresscodes, einstellen, aber die Stadt nimmt merklich an Geschwindigkeit zu: Die Jeunesse doree in ihren Klubs ist zu sehen, Rolls Royce und Stretch-Limos gegen den alten Schiguli, den sowjetischen Fiat-Nachbau; die Rocker- und Biker-Szene auf den Sperlings-Bergen über Moskau.

Mukhin ordnet sein Bilder immer in hintergründigen Kombinationen an, die nie ideologisch plump ausfallen. Skeptisch die Blicke der Türsteher vor Restaurants und Hotels — mehr als freizügig gekleidet sind die jungen Frauen. Ein Foto von einer Schulabschlussfeier aus 2006 schaut aus wie aus den frühen 60er Jahren. Sowjetisches bleibt ewig sowjetisch.

Allpräsente Polizei

Mitte der 2000er Jahren setzt auch das lange Zeit marginalisierte Polittheater der Straßendemonstrationen wieder ein und man muss sich in der russischen Pseudo-Politik schon halbwegs gut auskennen, um zu verstehen, worum es da zwischen «Rossija Molodaja», der Putin-Jugend, den diversen National-Bolschewisten und unumwundenen Neonazis geht. Allpräsent ist die Polizei, die Milizionäre, denen man allerdings auch nicht ansieht, ob sie zu den «Guten» oder zu den «Bösen» gehören.

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Die Bullen sind immer dick angezogen. Die Frauen sind immer kaum angezogen. Diese Nacktheit ist ekelhaft. Das nackte Fleisch sieht aus wie Melonenreste, nur schlimmer. Die Mädchen versuchen ständig, sich noch weiter auszuziehen, aber nicht nötig (…) Ein Mädchen hat sich «Schlampe» auf die Brust geschrieben. Gut, das ist zumindest ehrlich.

Igor Mukhins «privates» Moskau, das damit angesprochen ist — Fotos von sich an- und ausziehenden Frauen — bleibt ein wenig mysteriös: Handelt es sich um Sitzungen für Aktfotos, um Bilder von Freundinnen, um Prostituierte? Ohnedies liegt über Moskau, das sich in den letzten Jahren in eine exzessive Boom-Town mit längst nicht nur läppischer Architektur verwandelt hat, das von seinen Bewohnern oft nicht mehr erkannt wird — über Moskau liegt ein ewiges, ein wenig schmieriges und rüdes Geheimnis. Aber dieses Neue Moskau kommt bei Igor Mukhin kaum vor, ebenso wenig die heute im Stadtbild allpräsenten Gastarbeiter aus Mittelasien.

Die «Demonstrationen der Unzufriedenen»

Im Sommer 2010 verschwand die Stadt aufgrund von Wald- und Torfbränden wochenlang in Smog und Rauch — Sichtweite bisweilen einige Meter: Am Roten Platz steht eine Gruppe von Kadetten und erkennt kaum die Basiliuskathedrale. Dieser Moment ist symbolisch genug — wie geht es weiter?

Am Ende von Igor Mukhins Bilder-Folge stehen die 2010 beginnenden «Demonstrationen der Unzufriedenen», deren Zusammenstöße mit der Polizei das aktuelle Tagesgeschehen in Moskau bestimmen. Zakhar Prilepin über die Vorboten der bisweilen höchst gewalttätigen Auseinandersetzungen:

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Die Kosmonauten streben nicht mehr nach dem Mond, sie sind vom Himmel auf die Erde hinabgestiegen und in ihren Raumanzügen lösen sie nur Demonstrationen auf.

Mit Kosmonauten sind die martialisch ausgerüsteten Soldaten und Polizisten der diversen Sonderheiten gemeint. Ein schwarzglänzendes Meer von Polizeihelmen breitet sich vor unseren Augen aus als wäre dem Bürgerkrieg der Worte noch Einhalt zu gebieten. Der Fotograf Mukhin bewegt sich jetzt fast synchron zu tagepolitischer Berichterstattung. Ein Putin kommt in «Mein Moskau» nebenbei nur als Papp-Figur bei einer Demo vor.

Moskau, wie es wirklich ist

Das traurigste Bild des ganzen Bands zeigt einen alten Mann mit ordengeschmückter Brust am 9. Mai, dem hochheiligen Tag des sowjetischen Sieges über Nazideutschland, vor dem Bolschoj-Theater, dem traditionellen Versammlungsort der Kriegsveteranen. In der Hand hält er einen Luftballon. Aus seinem Gesicht spricht nur Verblüffung, Unverständnis.
Das Resümee von Zakhar Prilepin:

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Auf jeder zweiten Seite möchte ich meine Augen schließen. Ich kann das nicht ansehen, es fällt mir wirklich schwer. Schon wieder habe ich mich erkannt, meine Nachbarn, meine Heimat. Heimat, was ist mit dir?

Wer sehen will, wie Moskau wirklich ist, muss selbst hinfahren. Als Vorbereitung dafür gibt es keine besseren Reiseführer als Igor Mukhins Fotoband. Die meisten Reportagen und Fernsehberichte wiegt er auf jeden Fall auf.

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