Moskau, mein Moskau…

moukhin - photosite Vor kurzem sind zwei Bildbände über Moskau in Deutschland und der Schweiz erschienen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Vor kurzem sind zwei Bildbände über in Deutschland und der Schweiz erschienen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Bei solcherlei Frequenz könnte man meinen, die russische Megacity habe im deutschsprachigen Raum plötzlich an Attraktivität und Glanz deutlich hinzu gewonnen. Schließlich birgt für jeden Verlag die Herausgabe aufwendig gestalteter Fotobände in Zeiten der Digitalisierung kein unbedeutendes Risiko. Das Antlitz Moskaus lockt, fasziniert und irritiert scheinbar mehr denn je, wenn es dazu animieren soll, etwas aufmerksamer hinzusehen. Diese Stadt ist nicht nur selber eine Ausgeburt der Schizophrenie, sondern spaltet auch all diejenigen Geister, die auf der Suche nach dem »wahren Charakter« jener Metropole sind. Wir halten fest: gewinnt seine Gestalt allein durch den Vexierspiegel. Igor und Andreas Herzau offenbaren zum ersten Mal in Form gebundener Bildkompositionen ihren je eigenen Blick auf dieses Moloch.

Gut ein Vierteljahrhundert hat Igor sein Objektiv auf all das bunte Treiben im Leben dieser — seiner — Großstadt gehalten, um Voyeurismus auszuleben und die Nachhaltigkeit des Moments zu kolportieren (Igor »Mein . Fotografien 1985-2010«, Benteli Verlag, Bern 2012). Selber bezeichnet er sich gerne als Installateur oder Handwerker, wenn er nach seinem Beruf gefragt wird. Weil er überwiegend die Arbeit erledige, für die er bestellt werde. Äußerst bescheiden — könnte man behaupten, derweilen man die steile Karriere des selbstständigen Fotografen einmal genauer betrachtet. Der ehemalige Architektur-Student entwickelte sich schon mit Mitte zwanzig rasant zu einem Inszenator des exzessiven Lifestyles russischer Rockmusiker, indem er die Stars der späten 1980er Jahre wie Viktor Zoi, Boris Grebenschtschikov, Aleksander Baschlatschow und Peter Mamonov ins rechte Licht setzte.

Andreas Herzau, bedeutender Reportagefotograf aus Hamburg, kann gleichermaßen auf eine bewegte Berufslaufbahn zurückblicken. In den frühen 1990er Jahren leuchtete er die deutsche Drogenszene und Abschiebehaft aus, bevor er sich aufmachte, konfliktreichere Krisenherde in Ruanda, Sierra Leone und Liberia detailliert zu dokumentieren, um den Rest der Welt wach zu rütteln. Erst nachdem Herzau New York, Istanbul und die gesamte wiedervereinte BRD in »Fotografischen Essays« ins Visier genommen hat, folgt nun sein erster visueller Eindruck von (Andreas Herzau ». Fotografien von Andreas Herzau«, Braus Edition, Berlin 2012). Es sei ein bisschen Trotz dabei gewesen, sich mit der Hauptstadt Russlands genauer auseinanderzusetzen, so Herzau im Vorwort seines Bandes, da er bis dato außer veralteter westlicher Propaganda so gut wie gar nichts von gekannt habe. Der deutsche Fotograf glaubt indessen erkannt zu haben, dass , welches »uns« angeblich nur wenig präsent im visuellen Gedächtnis sei, weitaus mehr zu bieten habe als goldene Kuppeln, die Metro, das Ballett und Putin: »Ich hatte also die Chance, eine Stadt und deren Lebensgefühl zu untersuchen und zu beschreiben, die nach wie vor weitestgehend unentdeckt hinter einem ideologischen und kulturellen Eisernen Vorhang liegt.«

Wo Herzau in Verzug zu sein scheint, hat »uns« schon längst abgeholt. Spätestens die Wirren der Perestrojka ermöglichten ihm Einblicke in Winkel, welche neben der Linse auch die Perspektive weiteten. So fotografierte parallel zur Auftragskunst immer auch »für die Seele«, indem er seit jeher »unter Beschuss« hatte — unabhängig seines Wirkens im europäischen Ausland und werbetauglichen Schaffens für einschlägige Magazine wie »Afisha«, »Bolshoj Gorod« oder das »TimeOut« und den »Rolling Stone«. Die Galeristin Irina Meglinskaja, die an der Entstehung Mukhins neuen Bildbandes maßgebend beteiligt war, behauptet daher, dass es abwegig gewesen wäre, ein Buch mit Mukhins Bildern unter dem Leitmotiv einer anderen Stadt herauszugeben: »Er lebt in , er ist ein Teil dieser Stadt.« Demnach könne man ihn nicht nur als einen Künstler, sondern gleichwohl als einen Chronisten dieser Metropole verstehen.

Als Chronisten will sich Herzau hingegen nicht verstanden wissen. Anders als begibt sich der Fotojournalist gezielt auf die Suche nach dem der Worte Erwin Kischs, welcher in den 1920er Jahren pathetisch zum Ausdruck brachte: » […], Orgie der Kontraste, asiatisches Dorf mit Häusern in amerikanischem Wolkenkratzerstil, Kistenschlitten und Autobus, Barockpalast und Holzhütte, […] Straßenbasar und Warenhaus.« Für einen Außenstehenden wie Herzau hat diese Impression »durchaus noch Gültigkeit, auch wenn das Leben heute dort härter, schneller, reicher, goldener, ärmer, voller und motorisierter ist als damals.« Eine Wahrnehmung, die sich denn auch deutlich an seinen großformatigen, zumeist farbenfrohen Bildern ablesen lässt. Sein intensiver Blick fällt dabei auffällig oft auf augenscheinliche Exotik und Skurrilitäten im Landschaftsbild der Moskauer Straßen — perfekt gestylte Frauen auf hochhackigen Stiefeln, nicht selten schwere schwarze Autos, daneben arme Mütterchen am Straßenrand und überall überdimensionale Werbeplakate sowie patrouillierende Polizisten. Ganz so als würde Herzau Viktor Jerofejew beipflichten wollen, dessen »Liebeserklärung« an die »höllische Stadt« in Form eines Essays dem Bildband vorweg gesetzt wurde: Ja, » ist nicht nur allen anderen Städten der Welt unähnlich, es ist auch sich selbst unähnlich«!

weiß darum. »Ich fixiere das, was mir das Leben präsentiert. […] Auf meinen Fotos gibt es keine Landschaft. Nur die Stadt und die Leute in ihr.« Igor lässt sich inspirieren, derweilen er mit seiner »Leica M6« Schwarz-Weiß-Bilder aus der Realität herausmeißelt ohne diese zu verklären oder zu verherrlichen. Seine Abbildungen unterstehen, da sie bloße Gegebenheiten widerspiegeln, einem ganz eigenen — unprätenziösen — Prinzip der Ästhetik. Dadurch, dass die Fotografien Mukhins es vermögen, die ungeschönte nackte Existenz des Moskauer Lebens zum Vorschein zu bringen, glaubt man mit der Betrachtung dieser Fotoreihe, anders als bei Herzau, die tiefe Sehnsucht nach tagtäglicher Selbsterfindung, somit die verborgene Suche nach dem Wesenhaften plötzlich ganz deutlich sehen zu können. Gepackt vom (Sartre’schen) Ekel postuliert der Schriftsteller Zakhar Prilepin demgemäß treffend im Vorwort zu Mukhins Band erbarmungslos: »Wir haben kein anderes Moskau für euch. […] Alles ist irgendwie nur halb. Als hätte hier jemand nicht unter den richtigen Bedingungen gelebt, der nun im luftleeren Raum schwebt.«

Mag das Moskauer Treiben in den Augen Herzaus auch noch so bunt sein — Mukhin zeigt uns, was hinter den schrillen Farben und verschrobenen Fassaden der russischen Hauptstadt steckt. Wenngleich das nicht immer erbauend ist, bedeutet dies nicht, dass Mukhins Sicht eine deprimierende ist. Ganz im Gegenteil. Sie ist aufrichtig. Sie präsentiert dem Betrachter, was bleibt, wenn man aus dem Blickfeld Zeit und Raum, wie auch jedes andere sinnstiftende Ordnungsmuster verbannt. Dass Mukhins resümierender Bildband wider Erwarten keiner erkennbaren Struktur folgen will, ist dem Chaos zu verdanken, dem hier freiwillig das Feld überlassen wurde — lasziv tanzende, leicht bis gar nicht bekleidete Mädchen, diverse aufgebrachte Protestgruppen, Männer im Rausch und überall diese melancholisch-ernsthaften Gesichter und Leiber, zurückgezogen ins Private.

So spricht der Wahnsinn »Moskau« bei Mukhin — so auch bei Herzau — keine Sprache, denn mit Begriffen lassen sich bekanntlich weder Schall noch Rauch erfassen. Lediglich mit Ort und Datum sind die Bilder Mukhins versehen, um den Überblick über die Entstehung nicht in Gänze zu verlieren. Herzaus bebilderter Spaziergang durch die heutige Stadt kommt unterdessen ganz ohne Angaben aus, obgleich hier sehr wohl eine Geschichte erzählt wird. Es spielt für den Betrachter beider Bände offensichtlich gar keine wesentliche Rolle, wo und wann die Fotos entstanden sind. Erstaunlich, wie wenig der Fortgang bewegender Jahre mit einem Mal doch ins Gewicht fallen kann. Mit dem kleinen — aber wesentlichen — Unterschied, dass bei Mukhin alles im Dunst verlorener Erinnerungen verschwimmt, und in diesem Sinne nichts von Bestand erscheint. Während Herzau der Bild-Stereotypen vergangener Zeiten wegen, fortwährend nicht gewillt ist, sein Fremdeln im Moskauer Raum abzulegen. Man würde dem Fotografischen Werk Mukhins wahrlich Gewalt antun, müsste man es in ein ähnlich straffes Korsett pressen, wie Herzau es tut. In Mukhins Welt darf die von Herzau bestätigte russische Bipolarität — der simplifizierende Kontrast von gut und böse, arm und reich, jung und alt — als überwunden gelten. Mukhins Hommage an Moskau unterscheidet sich von der Dokumentation Herzaus wie auch von seinen eigenen Arbeiten über Paris oder Wien aufgrund — so Mukhin — »Motivation, Teilhabe, Position und Mitgefühl« des Künstlers bezüglich seiner Heimatstadt.

Es lässt sich nur spekulieren, warum die Arbeiten zweier international anerkannter Spitzenfotografen — beide Kinder der frühen sechziger Jahre, beide Dozenten an renommierten Hochschulen, beide mehrmalig ausgezeichnet — auf den Straßen Moskaus nunmehr weit auseinanderdriften. Lassen wir den technischen Aspekt einmal außen vor, stellt sich die Frage: Mag es wirklich an den unterschiedlichen Intentionen der Betrachter liegen? Könnte die je eigene kulturelle Sozialisation für die eingenommene Perspektive tatsächlich ausschlaggebend sein? Oder hängt es lediglich von der Definition des Ergebnisses ab, bei der man sich letztlich und leider entscheiden muss, ob man hier nun eine Bestandsaufnahme oder die Beobachtung einer Entwicklung vor sich liegen hat? Nur eins bleibt unumstritten: Die Ansichten Moskaus interessieren weltweit und werden auch hierzulande honoriert, wie jüngst die Verleihung des Silbernen Deutschen Fotobuchpreises 2013 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels an Herzaus Moskau-Werk beweist. Text: Nora Mengel

 

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